Überraschender Doppelsieg für Backnanger Damen

Christoph Nesper

Das war schon eine echte Sensation. Als Außenseiter war die Damen-Mannschaft der TSG Judo zum Erstliga-Kampftag gegen den Tabellenführer und den Zweiten nach Rüsselsheim gefahren, mit vier Punkten in der Tasche war das Team um Betreuer Gerd Lamsfuß an die Murr zurückgekehrt. Gegen den JC Leipzig hatte der Zufall geholfen: die Mannschaft aus Sachsen war mit über einer Stunde Verspätung in der Halle eingetroffen. Gegen die Hessinnen aber hatte sich Backnang auf der Matte mit 4:3 durchgesetzt, sodass das Abstiegsgespenst vorerst verscheucht ist.
Doch der Reihe nach. Zunächst hieß es lange warten, denn Tabellenführer Leipzig erschien nicht rechtzeitig zum Kampftag in der Sporthalle Bauschheim. Da kennt dann das Liga-Statut kein Pardon: die Punkte gehen an den Gegner. Die Leipzigerinnen waren so sauer, dass sie dann auch zum sonst üblichen Freundschaftskampf fürs Publikum nicht mehr antraten. Andererseits auch verständlich: Sie hatten letztes Jahr die Gruppe Süd gewonnen und werden es nun schwer haben, überhaupt ins Finale um die deutsche Meisterschaft zu kommen.
Dort will die TSG Backnang schon gar nicht hin. Das Ziel der Mannschaft aus dem Schwabenland heißt Klassenerhalt. Der allerdings dürfte nach der Enttäuschung am ersten Kampftag mit den zwei Niederlagen gegen den PSV Weimar und den KSV Esslingen nun schon so gut wie unter Dach und Fach sein. Und das auch verdientermaßen, denn im einzigen Kampf des Tages schlug die TSG dann den gastgebenden JC Rüsselsheim mit 4:3 (35:27). Und das obwohl Backnang hier nur mit einem im Vergleich zu den anderen Mannschaften kleinen Aufgebot angereist war. Eingewogen wurden Katharina Menz, Michaela Baschin (beide bis 48 Kilogramm), Thea Vogel (bis 52 Kilogramm), Vera Dworaczyk (bis 57 Kilogramm), Tanja Hehr, Annemarie Werner (bis 63 Kilogramm), Silvia Schlagnitweit (bis 70 Kilogramm), Viktoria Wild und Nadine Antiç (bis 78 Kilogramm).
Diese Mannschaft wuchs geradezu über sich hinaus und ließ sich auch durch Rückschläge nicht entmutigen. Denn zunächst begann es programmgemäß für die Rüsselsheimerinnen. Mirjam Roper, die zur internationalen Spitze zählt, ließ gegen Vera Dworczyk nichts anbrennen. Dabei zeigte die Backnangerin einen beherzten Kampf und ging auch über die volle Kampfzeit. Doch schließlich ging der erste Zähler mit einem Waza-Ari (große Wertung) an die Gastgeberinnen. Doch Backnang konterte. Silvia Schlagnitweit hatte die ebenfalls zum Nationalteam gehörende Jana Grenzdörfer jederzeit im Griff. Die Österreicherin im Team der TSG ging zunächst mit Yuko (mittlere Wertung) in Führung und beendete den Kampf nach knapp vier Minuten mit einem Haltegriff vorzeitig.
Hop oder top hieß es dann, als Betreuer Gerd Lamsfuß die dreifache deutsche Leichtgewichts-Meisterin Michaela Baschin eine Klasse höher antreten ließ. Denn diese traf bis 52 Kilogramm auf die deutsche Meisterin Riccarda Rau. Aber das Backnanger Aushängeschild zeigte vollen Einsatz. Mit einem Yuko für eine Aushebetechnik entschied Backnangs Sportlerin des Jahres den Kampf für sich. Plötzlich lag der Außenseiter in Führung. Doch es sollte noch dicker kommen für die Hessinnen. Auch Nadina Antiç trat eine Gewichtsklasse höher an, nämlich in der nach oben offenen Kategorie über 78 Kilogramm. Und auch sie machte, so der Trainer, „einen tollen Fight.“ Nach drei Minuten gelang ihr gegen Yvonne Weiß ein voll durchgezogener Konter und Backnang fehlte plötzlich nur noch ein Zähler zum Mannschaftssieg.
Katharina Menz gab ihr Bundesligadebüt in der Gewichtsklasse bis 48 Kilogramm. Hier vertrat die Dritte der deutschen Juniorenmeisterschaften die nach oben gerückte Michaela Baschin. Dieser Plan ging allerdings nicht auf. Die Backnanger Nachwuchshoffnung trat leicht verletzt an und hatte gegen die international sehr erfahrene Severine Pesch keine echte Chance. Dennoch: auch sie hat nun Bundesligaluft geschnuppert und wird sicherlich bald eine Verstärkung für das Backnanger Team sein. Eine solche ist ein weiteres Eigengewächs der TSG Judo schon jetzt. Tanja Hehr wuchs in der Gewichtsklasse bis 63 Kilogramm gegen Sara Amodio geradezu über sich hinaus. Die TSG-Kämpferin legte zunächst ein Waza-Ari vor und konnte von der nun furios angreifenden Rüsselsheimerin auch anschließend nicht in Gefahr gebrachte werden. Im Gegenteil: nach 3:32 Minuten Kampfzeit legte sie eine weiteres Waza-Ari nach und wurde zur vorzeitigen Siegerin erklärt.
Damit war Backnang durch. Es fiel nicht mehr ins Gewichts, dass Viktoria Wild gegen die Tschechin Alena Aiglova eigentlich überfordert war. Sie zeigte zwar durchaus Kampfgeist, musste sich aber nach stark zwei Minuten doch der Übermacht beugen. Dennoch verließ sie jubelnd die Matte. Denn ihre Mannschaft hatte gezeigt, dass sie in die Bundesliga gehört und auch dort bleiben will. Auch Betreuer Gerd Lamsfuß war ganz aus dem Häuschen: „Das war sensationell. Damit hätte ich nie gerechnet. Die Mädchen haben hier gezeigt, was man mit einem festen Willen erreichen kann.“ Auf jeden Fall dürfte der Klassenerhalt schon fast sicher sein. Dennoch wäre es sicherlich schön, wenn auch am nächsten Kampftag Punkte geholt werden könnten. Am 30. Juni steht für die Backnanger Damen in der Mörikehalle nämlich der einzige Heimkampf des Jahren auf dem Programm.